DAS EIGENTÄTIGE

Das Eigentaetige - ein philosophischer Begriff von Simon Reitze

Ein philosophischer Begriff von Simon Reitze
(Dissertation. Universität Wien 2001).

“Wer hat das gemacht?”, ist eine wiederkehrende Frage. Jedes Kind stellt sie. Und auch jeder Wissenschafter. Menschen suchen Gründe und verfolgen Kausalketten bis sie an einem Ende ankommen, beim unbewegten Beweger, wie Aristoteles die letztbegründende Position in einer Kausalkette nannte.

Von der 2- zur 3-wertigen Logik

Ich bevorzuge den Begriff des “Eigentätigen”. Er ist weniger verfänglich, offener, indem er den Begriff des unbewegten Bewegers, der für seine angestammte Umgebung einer zweiwertigen Logik gemacht war, weiterentwickelt für eine drei- oder höherwertige Logik. Den Begriff des Eigentätigen habe ich 2001 in meiner gleichnamigen Dissertation gebildet und in Beispielfeldern exemplarisch angewendet. (Alle Literaturangaben siehe unten).

Wenn Menschen etwas erklären wollen, gelangen sie irgendwann an Grenzen, zum Unerklärbaren. So geht es sowohl dem fragenden Kind als auch dem Forscher in seinen Analysen. An der Grenze der Erkenntnis taucht das Eigentätige auf. Es macht das zuvor Unerklärbare erklärbar.

Das Eigentätige ist eine Einheit, die aus eigenem Antrieb etwas tut.  Wer hat es gemacht? Das energiegeladene kleinste Teilchen, das System, Gott, oder eine andere Variante des Eigentätigen haben es gemacht. Das Eigentätige (die betreffende Einheit und ihr Tun) liefert die Erklärung für das zuvor Unerklärbare, es liefert die Letztbegründung.

Die logische Form des Eigentätigen

Menschliches Denken ist auf das subjektivische Schema angewiesen. Das heisst unsere Sätze kommen nicht ohne Subjekt aus, wir können nicht ohne Täter-Einheit denken; es fällt uns schwer, Sätze ohne Subjekt zu bauen. In manchen asiatischen Sprachen fällt es leichter; aber nach wie vor ist das Eigentätige erkennbar. Es kommt elegant abstrahiert daher, beispielsweise als “Lachen” oder “Schönsein”.

Denken basiert auf der Unterscheidung “eigentätig” versus “nicht eigentätig”: Eine Einheit, die fähig ist, etwas zu tun, oder nicht dazu fähig ist. Sobald ein Kleinkind in seiner Umwelt etwas Eigentätiges kognitiv wahrnimmt, ist es auch schon dabei, selber eigentätig zu werden: Es beginnt ansatzweise zu denken und zu handeln (anstatt bloß die vegetative und emotionale Steuerung walten zu lassen).

Jedes logische System, ob aristotelisch zweiwertig oder mehrwertig, ist an der Basis zweiwertig/dualistisch. Die erste Unterscheidung ist die zwischen “eigentätig” versus “nicht eigentätig”.

Gegenstandslogik: Die Form des Eigentätigen im Gegenstandsbereich der Natur

Die Form des Eigentätigen scheint der Welt immanent zu sein. In der Natur ist Eigentätigkeit ein selbstausführendes Programm, das in fruchtbarer Umgebung leicht zu aktivieren ist. In der Erde “schlummern” Millionen von Samen, aus denen Pflanzen wachsen, wenn sie “geweckt werden”. Welche Samen aktiviert werden, ist eine Frage der aktuellen Parameter wie Temperatur, Feuchtigkeit etc. Im Rahmen der Natur wird die logische Form des Eigentätigen “Leben” genannt.

Theorielogik: Varianten des Eigentätigen

Wo immer wir hinschauen, entdecken wir das Eigentätige. Als Suchinstrument ist der Begriff des Eigentätigen daher wertvoll, wenn man auf der Theorie-Ebene Diskurse/Denksysteme untersuchen und vergleichen will; ein ebensolches Suchinstrument ist der Begriff des Eigentätigen für jeden Gegenstandsbereich. Man entdeckt sowohl auf der Ebene der Theorie als auch auf der Ebene des Gegenstands mannigfaltige Gesichter des Eigentätigen. Im Feld der Physik stößt man beispielsweise auf die Begriffe der “Energie” oder des “kleinsten energiegeladenen Teilchens”; die Medien wiederum sprechen von “der Wirtschaft”, als ob sie eine eigentätige Einheit wäre; Sigmund Freud war fasziniert von einer eigentätigen Einheit, die er “das Unbewusste” taufte (und zeitlebens darüber forschte, wie sehr eigentätig diese älteste der psychischen Kräfte wirklich war). Die archaischste Form des Eigentätigen ist “Gott”, der als Weltenschöpfer gleich für alles verantwortlich ist.

Wo das Eigentätige auftaucht, wird ein Ereignis als Handlung verstehbar. Das subjektivische Schema produziert Sinn in Form von Erzählstrukturen, in Form von Sätzen; in deren Zentrum konstruiert es als Sinngenerator jeweils das Eigentätige. Es erlaubt den beschränkten Mitteln menschlichen Denkens einen Fokus, sozusagen ein Spotlight der Aufmerksamkeit; und es lässt der Einheit, die im Fokus erscheint (dem Eigentätigen), die Freiheit, in unzähligen Gewändern auf die Bühne zu treten, mal neutral, mal als Held und Wohltäter, mal als Übeltäter. Das subjektivische Schema ist eine ökonomische Lösung für die Anforderungen an die menschliche Kognition: Rasch erkennbare Resultate zu liefern, auf die man ebenso rasch reagieren kann. In der Tat ist es überlebenswichtig, rasch reagieren zu können, wenn es beispielsweise im Gebüsch raschelt. Das plötzliche Geräusch erhält reflexartig Aufmerksamkeit, das Adrenalin steigt, denn es könnte ein gefährliches Tier oder ein Angreifer sein. Für lange Analysen ist im ersten Moment keine Zeit. Das subjektivische Schema ist aber so stark, dass es auch dann wirkt, wenn Zeit und Notwendigkeit für eine ausführlichere Analyse gegeben sind.

Ein Beispiel: Nach “9/11” war die Weltpresse von der Frage bewegt “Wer hat das gemacht?” und erlöst, als man endlich eine Antwort fand: Osama Bin Laden. “Der Terror bekommt ein Gesicht: Osama Bin Laden”, titelte der deutsche TV-Sender ARD an jenem Tag. Dieses Beispiel demonstriert sehr schön die Funktionsweise des subjektivischen Schemas und die Rolle des Eigentätigen. Etwas Unverständliches sollte erklärt werden – der Terroranschlag von 9/11 – und die Antwort (die Letztbegründung) war ein Bösewicht, der für den Anschlag verantwortlich gewesen sein soll. Der Rachedurst der USA hat inzwischen offiziell Genugtung gefunden – Osama Bin Laden wurde getötet – das Land ist deswegen aber nicht viel ruhiger geworden. Die Antwort stellte sich immer mehr als zu simpel heraus.

Das subjektivische Schema wirkt augenblicklich und immer. Des öfteren muss man sein Ergebnis im nachhinein korrigieren, wenn man feststellt, dass es  eine altbekannte, stereotype Form des Eigentätigen aus dem altbekannten Repertoire hervorgezaubert hat, z.B. den großen Bösewicht. Heute wissen wir: Das Phänomen “Terror” ist komplexer und die Spannungen zwischen den USA und islamistischen Extremisten nicht so einfach aufzulösen.

Transversale Vernunft

Vernunft ist im Kern tranversal (Wolfgang Welsch 1995). Ihr transversales Vermögen besteht darin, dass sie unterschiedliche Diskurse in Beziehung bringen und Übergänge nutzen kann. Doch wie funktioniert die Transversalität von Vernunft?

“Dann hängt die Klärung dieser Vernunftform davon ab, inwieweit sich Übergänge zwischen diesen pluralen Formen, die weder absolut heterogen noch im letzten identisch sind, tatsächlich aufweisen und verfolgen lassen.” (Wolfgang Welsch 1995: 303)

Was also sind diese Übergänge? Meine Antwort, die ich in meiner Dissertation untersucht und begründet habe: Das Eigentätige ist es; es ist die Anschlussstelle, die Sinn produziert. Es ist die Eigenform, die Systeme verwenden, um zu operieren und sich zu reproduzieren.

Kommunizieren und denken

Der lateinische Ursprung des Begriffs “Kommunikation” bedeutet, “zusammen eins werden”. Voraussetzung für diesen Vorgang ist die gemeinsame Eigenform des Eigentätigen. Es ist die Grundlage jeder Kommunikation und die Grundlage des Denkens.

Indem wir die Eigenform des Eigentätigen in den Außenraum projezieren, konstruieren wir eine Umwelt aus eigentätigen und nicht-eigentätigen Einheiten. Mit ihnen können wir denkerisch umgehen. In einer amorphen Umwelt hingegen fehlen der Kognition die Ansatzpunkte; eine solche Welt wäre nicht operationalisierbar, sie befände sich im Zustand wie am Anfang von Schöpfungsmythen, wo noch das Nichts oder das Chaos herrscht. Die Welt wird erst operationalisierbar, wenn man eine erste Unterscheidung einführt: Das Eigentätige. Es ist der Gott, der sich spaltet in den eigentätigen Schöpfer und die geschöpfte, nicht eigentätige Welt. Es ist das Bewusstsein, das die erste reflexive Bewegung ausführt. Es ist der Anfang einer Welt, der Anfang einer Erzählung.

Wissenschaft

Wissenschaft kämpft seit langem mit dem grundlegenden Bias-Problem des Eigentätigen – seit ihrem Bestreben, sich von Religion zu emanzipieren. Ein aktuelles prozesslogisches oder systemisches Denken ist der Versuch, die verhängnisvolle Wirkmacht des subjektivischen Schemas so lange als möglich “aufzuschieben”, um nicht zu früh seinen vorgeformten, stereotypen Antworten zu verfallen.

Resultat wissenschaftlicher Bemühungen sind Theorien über Systeme. Es sind letztlich Beschreibungen abgegrenzter Innenräume und der  Funktionszusammenhänge im jeweiligen Gegenstandsbereich. Letztlich trägt aber auch der Begriff des Systems das Gesicht des Eigentätigen (wenn man ein System “von außen” betrachtet). Systeme unterscheiden sich bekanntlich durch ihre unterschiedliche Funktion, also durch die spezifische Form von Eigentätigkeit.

Nach wie vor ist Wissenschaft nicht in der Lage, Eigentätigkeit oder das Wunder Leben als Gegenstand zu erklären. Der Grundvorgang der Autopoiesis im Allgemeinen (Selbstbildung und -Erhaltung von Systemen) bleibt ein rätselhafter Vorgang. Wieso entstehen solche Einheiten? Es scheint ein universales Steuerungsprogramm zu geben, das Eigentätiges generiert. Der Wunsch, es zu durchschauen, ist groß. Der Begriff des Eigentätigen ermöglicht es, die Arbeit im kritischen Verfahren bei den eigenen Bedingungen der Ermöglichung von Erkenntnis anzusetzen und die Beziehung zwischen Theorien und Gegenständen neu zu beleuchten.

Kritik

Peter Sloterdjik sagte mir im Gespräch, er sei sich nicht sicher, ob das Eigentätige wirklich ein Begriff sei oder nicht eher ein Hybrid. Damit ist bereits ein fruchtbares Diskussionsniveau erreicht. Die Erkenntnis, dass Einheit und Aktivität gerne gekoppelt auftreten, ist wesentlich, wenn man die Bias-Probleme der Wissenschaften studieren will.

Manche akademischen Wissenschafter reagieren etwas allergisch auf den Begriff des Eigentätigen. Ein Kollege aus der Wissenschaftstheorie lehnte ihn diskussionslos als “dunkel und metaphysisch” ab; von Haus aus Physiker, anerkannte er das begriffliche Potential für interdisziplinäre Arbeiten nicht (obwohl er ein Direktorengehalt für interdisziplinäre Forschung bezog, oder vielleicht auch weil er ein Direktorengehalt für interdisziplinäre Forschung bezog). Philosophen sind da berufener. Sie erkennen sofort das Universale des Begriffs und manche monieren: Wozu soll ein universaler Begriff dienen? Meine Gegenfrage: Wozu soll Philosophie dienen, wenn nicht der Diskussion grundsätzlicher Fragen? Die Mehrheit akademischer Philosophen beschränkt ihr philosophisches Geschäft darauf, die Werke verstorbener Philosophen zu kommentieren und die Kommentare zu vergleichen. Mehr wäre möglich.

Allgemein spezialisiert sich Wissenschaft mehr und mehr. Wer jedoch im Garten der Wissenschaft bloß seine Parzelle absteckt und ein Glashaus darüber stülpt (und tapfer seine Forschungs-Budgets verteidigt), ist meiner Ansicht nach eher ein Geschäftsmann oder Verwalter als ein Wissenschafter. Ausdehnung findet an Grenzen statt.

Wer Bücher von Spinoza, Hegel und Luhmann schätzt, wird vermutlich etwas mit dem Begriff des Eigentätigen anfangen können; wer sich für östliche Philosophie interessiert, sowieso. Wer Künstler ist, ebenfalls. Auch mit “ganz normalen Menschen” ist in der Regel ein erfreuliches Gespräch über das Eigentätige möglich, das sich rasch entwickelt und eine erstaunliche gedankliche Flughöhe erreichen kann, von der aus die Welt als gemeinsame sichtbar wird. Dass analytische Arbeit nicht nur Flughöhe, sondern auch Bodenproben braucht und man dazu auch auf dem Boden der Empirie landen muss, ist selbstverständlich. Es ist die Bewegung zwischen den Abstraktionshöhen, die Gewinn in Form von Reflexion erzeugt – die Reflexion über den Zusammenhang von Gegenstands- und Theorielogik, die mit dem Begriff des Eigentätigen in den Untersuchungsfokus gelangt.

Literatur

Reitze, Simon: Das Eigentätige. Bildung eines philosophischen Begriffs und seine Anwendung auf die Literaturwissenschaft in transversaler Absicht. Diss. Universität Wien 2001.

Dux, Günter: Die Logik der Weltbilder. Sinnstrukturen im Wandel der Geschichte. Fft aM 1990 [1982]. (stw 370)

Günter, Gotthard: Idee und Grundriss einer nicht-Aristotelischen Logik. Erster Band: Die Idee und ihre philosophische Voraussetzungen. Hbg 1959.

Hegel, Georg Friedrich Wilhelm: Phänomenologie des Geistes. In: Werke. Auf der Grundlage der Werke von 1832-45. Neu ed. Ausg. Bd. 3. Fft aM 1989. [Bamberg und Würzburg 1807]

– Wissenschaft der Logik. In: Werke. Auf der Grundlage der Werke von 1832-45. Neu ed. Ausg. Bde. 5 u. 6. Fft aM 1986. [1812-1816]

Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main 1987 [1984].

Schülein, Johann August: Autopoietische Realität und konnotative Theorien. Über Balanceprobleme sozialwissenschaftlicher Erkenntnis. Weilerswist 2002.

Schülein, Johann August und Reitze, Simon: Wissenschaftstheorie für Einsteiger. Wien 2012 [2002]. (UTB 2351)

Spinoza, Baruch de: Die Ethik. Lateinisch und deutsch. Revidierte Üs. von Jakob Stern, rev. von Irmgard Rauthe-Welsch. Nachwort von Bernhart Lakebrink. Stuttgart 1997. (UB 851)

Welsch, Wolfgang. Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft. Fft aM 1995. (=stw 1238)

Wenzel, Ulrich: Vom Ursprung zum Prozess. Zur Rekonstruktion des Aristotelischen Kausalitätsverständnisses und seiner Wandlungen bis zur Neuzeit. Opladen 2000. (=Theorie des sozialen und kulturellen Wandels 1)